Erziehungswissenschaft

Der Pädagoge und Kindertherapeut Wolfgang Bergmann im Interview :

Bergmann hatte sein Leben lang für die Liebe zwischen Eltern und Kind plädiert. Er gilt als ausgewiesener Gegner der frühkindlichen Fremdbetreuung. Auf dem Sterbebett wendet er sich jetzt noch einmal an die Menschen im Land. In einer Videobotschaft appelliert er an die Mütter und Väter, lieber auf ihr Herz und die Empfindung zu hören und den familienpolitischen Maßnahmen von Krippe und Fremdbetreuung äußerst kritisch gegenüberzustehen

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Kommentare (2)

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  1. Karin Desai sagt:

    Manch einer geht davon aus, dass Bildung ausschließlich das ist, was uns in Schulen gelehrt wird. Dies ist jedoch ein Trugschluss. Nicht zuletzt, da unsere Schulen heute im Allgemeinen nur noch darauf abzielen, unsere Kinder zum Funktionieren auszubilden, also dafür vorzubereiten, dass sie für die Wirtschaft da sind. Nun ist aber die Wirtschaft für den Menschen da und nicht umgekehrt. Was bedeutet das konkret?

    Der Mensch kommt mit bestimmten Fähigkeiten und Talenten auf die Welt. Diese gilt es zu entfalten. Denn jeder Mensch ist sozusagen ein Baustein der gesamten Menschheit, vor allem aber in erster Linie, der Gemeinschaft, die ihn umgibt. Alles ist eins, alles hängt miteinander zusammen und jeder hat seinen Beitrag zur Gemeinschaft zu leisten. Dazu ist der kleine Mensch auf die Unterstützung und Förderung der Gemeinschaft angewiesen. Ein Mensch, der sich selbst leben darf, also sein ureigenes Potential entfalten kann und hierfür Anerkennung und Bestätigung erfährt, der ist innerlich erfüllt und glücklich und erbringt automatisch Leistung, die allen Menschen nützlich ist und auch Freude bereiten kann. Und jedem Menschen ist es ein Naturbedürfnis, zu lernen und sich zu entfalten, sich selbst auszudrücken. Insofern wäre auch die Schulpflicht unnötig, denn der Mensch lernt nur in Freiheit sich selbst kennen und zu leben. In anderen Ländern wie Frankreich oder England gibt es lediglich eine Bildungspflicht, die jedoch auch unnötig ist, wie das Folgende aufzeigt:

    Bislang war es aber so, dass unsere Talente und Fähigkeiten weitgehend vergraben liegen hinter dem, was uns am meisten Angst macht. Denn wir wurden meist dazu erzogen, in bestimmte Rollen zu schlüpfen und Dinge zu tun und zu lernen, die nicht unserem eigenen Potential entsprechen. Eltern und Gesellschaft sorgen seit langem dafür, dass das Kind den Vorstellungen der Allgemeinheit aber vor allem den Eltern entspricht und sich nicht selbst leben und ausdrücken kann. Auch unsere Eltern wurden bereits so erzogen. Etwas, das kaum hinterfragt wurde jahrzehntelang und einfach von Generation zu Generation weitergegeben wurde. Das hat jedoch dazu geführt, dass wir heute weitgehend Jobs machen, die nicht unserem eigentlichen Potential entsprechen, uns also gar nicht liegen, und dies nur des Geldes und der Wirtschaft wegen. Auch wenn Einzelförderung heute im Bildungssystem immer wieder betont wird und gefördert werden soll, so sind wir selbst diejenigen, die das mit unserer bisherigen Einstellung unseren Kindern gegenüber und unserem Wertesystem, das Geld als Wertmaßstab Nr. 1 betrachtet, verhindert haben. Wir haben staatliche Systeme aufgebaut, die individuelle Förderung gar nicht zulassen. In Schulen wird lediglich bewirkt, dass jeder dasselbe lernt und keiner aus der Rolle fällt. Tut er es, ist sogar Bestrafung die Folge. Individualität ist nicht gefragt. Aber Individualität ergibt sich, wenn jeder sich selbst leben kann und sein Potential entfaltet.

    Nun ist ein Mensch, der von klein auf Unterstützung und Anerkennung erfährt als das, was und wie er ist, ein Mensch, der gute Wurzeln hat. Er ist selbstbewusst und somit stark und vor jedem Sturm gewappnet, während ein Mensch, der von klein auf erfahren musste, dass er nicht richtig ist, so, wie er ist, und er sich daher verbiegen musste, einen unsicheren Stand hat und bei jedem Sturm umsturzgefährdet ist. Diese Menschen mit wenig bis gar keine Wurzeln sind zudem extrem Sucht gefährdet. Und da es heute weit verbreitet die verschiedensten Süchte gibt, wie die Sucht nach Anerkennung, Arbeitssucht, Drogensucht, Alkoholsucht, etc. können wir daraus schließen, dass heute die wenigsten Menschen gute Wurzeln haben und sie sich somit nicht von klein auf selbst leben bzw. ihr Potential entfalten konnten. Dadurch haben wir uns aber auch immense Probleme geschaffen, wie unsere heutige Wirtschaftskrise.

    Man kann sich jedoch auch nachträglich bilden und sein Potential entfalten. Die große Zahl der Arbeitslosen hätte heute die Möglichkeit dazu, endlich das tun zu können, was sie schon immer tun wollte. Nun haben sie die Zeit und Gelegenheit dazu, möglicherweise wollten sie immer schon ein bestimmtes Instrument erlernen, schriftstellern oder malen, dichten oder Jugendarbeit machen, etc. Dem sind keine Grenzen gesetzt. Wer den Mut hat und sich entscheidet, sich nachträglich zu entwickeln, zu entfalten, der überwindet auch nach und nach automatisch seine Ängste und wird immer stärker und sicherer. Er BILDET nachträglich Wurzeln!

    Bildung bedeutet vor allem, etwas zu bilden, auszubilden, zu formen, und zwar das, wozu ich auf diese Welt gekommen bin, also mein Potential. Ich eigne mir alle Kenntnisse an, die ich für die Ausübung meines Potentials, meiner Lebensaufgabe, benötige. Dies geht auch noch nachträglich. Vorher wäre natürlich um einiges einfacher, würden wir unsere Kinder von vornherein darin bestärken, sich selbst zu leben. Die Ausbildung meines Potentials bedeutet auch, selbstbestimmt zu werden, selbstständig zu werden, auf mein eigenes Herz zu hören und mir auch eine eigene Meinung zu BILDEN. Eine wahre Demokratie lässt sich demzufolge auch nur mit Menschen leben, die sich selbst leben und sich deshalb auch eine eigene Meinung bilden können, weil sie den Mumm haben, sich auch gegen eine Mehrheit zu stellen bzw. anders zu denken und zu handeln als andere Menschen. Bildung bedeutet also, IM BILDE SEIN in jeglicher Hinsicht. Ich konstruiere mir meine Lebensvision aufgrund meiner Talente und dem, was mein Herz zum Singen bringt, also mit dem, was zu tun mir leicht fällt und mich begeistert. Ich zeichne mir sozusagen ein BILD davon, das ich visualisieren kann. Ich BILDE bzw. gestalte mir mit dieser Schöpferkraft mein Leben auf der Basis meines Potentials. Und dieses entfaltet sich immer weiter. Das ist die wahre BILDUNG.

    Nun zur Erziehung:

    Aus der obigen Ausführung ergibt sich schon, dass Kinder im Grunde gar keine Erziehung brauchen, denn Erziehung bedeutet ja auch, dass wir an dem Menschen herum“ziehen“. Der kleine Mensch braucht lediglich Bezugspersonen, die ihn fördern und unterstützen. Er braucht Menschen, die ihm vertrauen und ihm etwas zutrauen, Liebe, Geborgenheit, Anerkennung und Zuwendung. Und er braucht Vorbilder, die ihm zeigen, wie er sich in der Gesellschaft bewegen kann, was geht, was nicht geht. Der kleine Mensch wird dabei sozialisiert. In der Tierwelt ist es so, dass Mütter ihre Jungen ignorieren, wenn sie etwas falsch machen und loben, wenn sie etwas gut machen. So lernt das Kind in Geborgenheit und Annahme, das richtige Verhalten, welches das Überleben in der Natur sichert.

    Dabei müsste es eigentlich auch beim Menschen belassen werden. Wir Menschen weiten das Thema Erziehung jedoch noch weiter aus. Wir versuchen nicht nur zu sozialisieren, wir versuchen auch, aus dem kleinen Menschen „jemanden“ zu machen, oft auch, nachdem wir selbst „niemand“ geworden sind, da auch wir unsere Potentiale nicht entfalten konnten und ein Leben lang Dinge taten, die wir eigentlich gar nicht tun wollten. Es wird deshalb so lange bestraft und geschmipft und selten gelobt, bis dieses Kind die Richtung ansteuert, die wir für es vorsehen, weil es eben Anerkennung und Liebe sucht, weil es nicht so geliebt wird, wie es ist. Das Kind fängt an sich zu verbiegen und ein Leben zu leben, das andere für es vorgesehen haben. Bekommt das Kind nie bis selten Liebe und Anerkennung und nur negative Zuwendung durch Beschimpfungen und Bestrafungen, geht er oft in die Gegenrichtung, bis hin zur Kriminalität. Probleme sind so vorprogrammiert.

    Was Bestrafungen für Auswirkungen haben, wissen wir im Grunde alle, die wir welche erlebt haben. Wir versuchen alles, um Bestrafungen zu entgehen, erfinden Lügen, da wir gegen unsere eigene Natur schlecht ankommen und unser Potential immer wieder auf diese Weise auf sich aufmerksam macht, denn es will gelebt werden. Der kleine Mensch testet auch immer wieder die vorhandenen Grenzen aus. Könnten unsere Kinder sich von Anfang an selbst leben, gäbe es eine Vielzahl solcher Probleme nicht, der Mensch könnte von vornherein aufrichtig und ehrlich sein, bräuchte sich nicht zu verstecken und sich nicht zu verbiegen. Er wäre, so, wie er ist, anerkannt und geliebt und würde zu einer Bereicherung der Gesellschaft, in der er mit Freude seine Lebensaufgabe lebt zum Nutzen von sich selbst und allen anderen. Und genau da sollten wir nun hinkommen.

  2. Vincenz Melchez sagt:

    Gemäß Laotse ist Bildung gar nicht wichtig. Viel mehr noch, kann sie hinderlich für den Umgang mit dem Wesentlichen im Leben sein. Deswegen bin ich da leidenschaftslos. Sie ist wichtig, um hier auf Erden mit den kulturellen Dingen des Menschen umgehen zu können (Technik, Wirtschaft, Materialismus etc.) Das sind alles Dinge, die sich der Mensch künstlich geschaffen hat, aber nicht wirklich wichtig sind. Will man sich damit auseinander setzten und dies fördern, braucht man Bildung, okay! Aber immer bewusst sein, dass es nicht wirklich wichtig ist!

    Zum Thema „Schulpflicht“: die würde ich z.Z. auf jedem Fall belassen! Wir leben in einer materiell-kulturellen Welt. Man sollte schon ein Rüstzeug mitbringen, um sich da zu behaupten. Es sollte allerdings einheitlicher werden und eine Grundbildung abdecken, einen guten Standard sozusagen. Wer mehr will, kann ja weiter machen. Tatsächlich aber gilt es, dem Individuum die Chance zu geben, sich zu entfalten. Und das geht durch „Erziehung“. Erziehung nicht im Sinne der Verbiegung und Anpassung, sondern schon weit ein Stück, wie es in dem Text beschrieben war. Vorbild, Hilfe, Schutz, Vertrauen, dem Kind folgendes vermitteln:

    „Lernen, frei zu sein ohne den anderen auf die Füße zu treten!“

    Solange man den anderen, auch Tier und Umwelt, respektiert, kann man tun und lassen, was man will. Leben und Leben lassen!